Im Namen von Geschäftsführerin Frau Dr. Andrea Diekhof hat das Studentenwerk einen Brandbrief zur BaföG-Novelle an Mitglieder des Bundestags geschickt.
Sehr geehrter Herr Lehmann,
angesichts der Medienberichterstattung über die anstehende, 30. Novellierung des BAföG wenden wir uns mit der dringenden Bitte an Sie, sich für die zwischen den Regierungsparteien in einem ersten Schritt vereinbarte Erhöhung der BAföG-Wohnkostenpauschale auf 440 Euro zum Wintersemester 2026/2027 einzusetzen.
Das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) ist das zentrale Instrument der staatlichen Studienfinanzierung, um jungen Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft den Zugang zu einem Studium zu ermöglichen. Wir schätzen, dass seit 1971 weit mehr als vier Millionen Menschen aus einkommensschwächeren Familien dank BAföG studieren konnten. Umso wichtiger ist es, dass die Förderung regelmäßig an die tatsächlichen Lebenshaltungskosten und insbesondere an stark steigenden Mieten angepasst wird.
Zuletzt wurde das BAföG im Jahr 2024 erhöht. Sollte die im Koalitionsvertrag versprochene und genau umrissene BAföG-Reform nun ausbleiben, drohen den Studierenden bis zum Jahr 2030 insgesamt sechs Jahre ohne eine Anpassung der Förderung an die gestiegenen Preise. Angesichts der erheblichen Inflation und der stark gestiegenen Wohnkosten würde dies faktisch eine deutliche Kürzung der realen Förderleistung bedeuten. Dies setzt die Studierbarkeit aufs Spiel.
Besonders deutlich wird dies beim Thema Wohnen. Die Wohnkosten stellen für viele Studierende die größte finanzielle Belastung dar. Gemäß Statistischem Bundesamt müssen Studierende mehr als die Hälfte ihrer Einnahmen für die Miete aufwenden; bei der restlichen Bevölkerung sind es 25 %. Zwei Drittel der studentischen Haushalte gelten als überlastet. Gleichzeitig liegt aktuell die Wohnkostenpauschale im BAföG mit 380 Euro deutlich unter den tatsächlichen Mietkosten, mit denen Studierende heute konfrontiert sind. Ein WG-Zimmer auf dem freien Wohnungsmarkt kostet im Durchschnitt 512 Euro. Die zum Wintersemester 2026/2027 vereinbarte Erhöhung der Wohnkostenpauschale ist daher zwingend notwendig, um die Förderung wieder näher an die Lebensrealität der Studierenden heranzuführen.
Die finanzielle Situation vieler Studierender ist bereits heute angespannt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verfügt die Hälfte der Studierenden über weniger als 930 Euro monatlich. Zugleich sind die Miet- und Lebenshaltungskosten in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Viele Studierende sind deshalb auf Erwerbsarbeit neben dem Studium angewiesen. Laut der aktuellen, 22. Sozialerhebung gehen 63 Prozent einer Nebentätigkeit nach und arbeiten durchschnittlich 15 Stunden pro Woche. Zusammen mit dem Studienaufwand ergibt sich für viele eine Arbeitsbelastung, die kaum Spielraum für eine erfolgreiche und zügige Studienorganisation lässt.
Ein Verzicht auf die angekündigte BAföG-Erhöhung, insbesondere auch die geplante, schrittweise Angleichung des BAföG-Grundbedarfs an das Niveau der Grundsicherung, hätte nicht nur individuelle Folgen für die Betroffenen. Er würde auch den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahre nicht gerecht werden. Deutschland benötigt gut ausgebildete Fachkräfte - ob in den Ingenieurwissenschaften, der IT, im Bildungsbereich, im Gesundheitswesen oder in zahlreichen anderen Berufsfeldern. Studienabbrüche aus finanziellen Gründen können wir uns angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels nicht leisten. Dieser kommt aufgrund der demographischen Entwicklung alsbald - unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung.
Das BAföG ist eine Investition in die Zukunft. Den Investitionsstau bei der Infrastruktur will die Bundesregierung auflösen, beim Aufstiegsversprechen nicht. Deshalb bitten wir Sie nachdrücklich, sich im parlamentarischen Verfahren für die angekündigte BAföG-Erhöhung sowie für die im Koalitionsvertrag versprochene Stärkung der Ausbildungsförderung insgesamt einzusetzen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Andrea Diekhof